30 Jahre SI Club Hanau

Die Notwendigkeit einer Inkompetenzkompensationskompetenz - Leben und Lernen in einer digitalisierten Welt

Die Notwendigkeit einer Inkompetenzkompensationskompetenz - 
Leben und Lernen in einer digitalisierten Welt

30 Jahre Soroptimist Club Hanau

 

Mit einem Blick in die Zukunft feierte der Soroptimist Club Hanau sein 30jähriges Jubiläum: Im Fokus der Veranstaltung mit eingeladenen Gästen stand eines der spannendsten und meist diskutierten Themen unserer Zeit, die Digitalisierung. Die stellvertretende Präsidentin Dr. Ritva Knof hielt sich nicht lange bei der Vorrede auf und übergab nach einer kurzen Einführung und Begrüßung der Anwesenden, vor allem der Schirmherrin, Stadtverordnetenvorsteherin Beate Funck, das Mikrophon.

Die Notwendigkeit einer Inkompetenzkompensationskompetenz - 
Leben und Lernen in einer digitalisierten Welt

Prof. Dr. Holger Horz, Geschäftsführender Direktor der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung sowie Professor für Psychologie des Lehrens und Lernens im Erwachsenenalter der Johann Wolfgang von Goethe Universität Frankfurt, hielt einen spannenden, kurzweiligen und höchst lehrreichen Vortrag. Gekonnt vermittelte er komplexe Inhalte auf anschauliche Weise und keiner der Zuhörenden bemerkte, wie rasch die Zeit verging.

Macht die Internetnutzung dumm? Nein.

Macht die Nutzung von Spielen gewalttätig? Auch dafür gibt es keine Beweise.

Was macht die Digitalisierung mit uns? Sie verschiebt den Horizont und rückt die eigene Person immer mehr in den Vordergrund, wie an den Selfies leicht zu merken ist. Wie nehmen wir uns und die Ereignisse um uns herum in diesem Kontext war und wie ordnen wir diese ein? Was passiert dabei mit unserem Gehirn? Eine noch nicht endgültig zu beantwortende Frage.

Es gäbe keinen Grund Internet und Computerspiele zu verteufeln, jedoch sei es wichtig, den Umgang mit diesem Medium zu erlernen. Die Eltern seien in der Vorbildfunktion, denn die Sprösslinge kopieren natürlich das Verhalten der Eltern auch in dieser Beziehung. Kompetent mit den Möglichkeiten umzugehen, die uns die Nutzung von Tablets, Smartphones und sonstiger Wearables bietet, sei die Bedingung. Sich auf diesem Gebiet zu informieren und weiterzubilden Grundvoraussetzung. Mit einem durchschnittlichen Weiterbildungsbudget von 40 EUR pro Lehrer im Jahr kann man wenig erreichen. Dieser Zustand ist blamabel für ein Land wie Deutschland ebenso die Zustände an den Universitäten, wenn sich dort über 1000 Lehramtsstudenten bei Erstvorlesungen in völlig überfüllte Hörsäle zwängen müssen.

Den richtigen Umgang mit Multimedia erlernen bedeute, Abschied zu nehmen vom Mythen dass beispielsweise Multitasking sinnvoll funktionieren könne. Ebenso die Gefahr der Immersion zu erkennen, die bedeutet, dass durch eine Umgebung mit der  virtuellen Realität, das Bewusstsein des Nutzers, illusorischen Stimuli so weit ausgesetzt ist, dass die virtuelle Umgebung als real empfunden wird.

Selbst kompetent mit den digitalen Medien und deren Inhalt umzugehen, deren Inhalte zu sinnvoll verknüpfen und richtig einzuordnen, das sei die Herausforderung und Aufgabe, der sich jeder einzelne stellen müsse. Alles zu erfassen und zu verstehen sei unmöglich, man komme nicht darum herum, eine Kompetenz der Kompensation der eigenen Inkompetenz zu entwickeln: eine Inkompetenzkompensationskompetenz.

Eine These, die lebhaft von den Diskutanten aufgenommen wurde.

Alia Pagin, Medienpädagogin und Lehrbeauftragte an der University of Applied Science Frankfurt, warnte vor Hetze und Fake News im Netz, vor Inhalten, die Erwachsene einstellen und denen Jugendliche schutzlos ausgesetzt sind.

Alexandra Schwarz, Mitglied der Geschäftsführung der Evonik Ressource Efficience GmbH in Hanau, beschrieb die Herausforderungen die Digitalisierung in den Arbeitswelten von heute mit sich bringt. Die Vernetzung von Prozessen, die voll digitalisierte Werkhalle einerseits, aber auch andererseits macht die Digitalisierung nicht halt vor den Menschen, deren Arbeitsplätze und Arbeitsanforderungen.  Auf diesem Wege alle mitzunehmen und gleichzeitig fit zu machen für eine sich stetig wandelnde Zukunft sei keine leichte Aufgabe.

Patrick Ratzkka, Lehrer und Historiker der Hohen Landesschule, beschrieb sich verändernde Lernwelten und den kompetenten Umgang damit. Gleichzeitig forderte er alle auf, innezuhalten, sich Zeit zu nehmen und eine Pause einzulegen, und sich nicht ständig der totalen Reizüberflutung auszusetzen.

Es folgte eine lebhafte Diskussion mit dem Publikum, gekonnt und charmant moderiert von Dr. Sandra Gentsch:

Der sogenannte gläserne Mensch sein keine Illusion, sondern schon Wirklichkeit. Jeder muss selbst entscheiden: Inwieweit lasse ich andere in mein Leben eindringen.

Lernen und Erlernen vollziehe sich immer noch durch Lesen, Schreiben und eigenes Denken eine oft vergessene Tatsache.

Wir selbst sind dafür verantwortlich, dass unsere demokratischen Grundsätze nicht durch bewusste Falschmeldungen im Internet untergraben werde. Es sei leicht möglich, schlichte und einfach zu vermittelnde Inhalte, die die Komplexität der Umgebung völlig ausblenden, an eine große Menge von Menschen zu verbreiten. Wir selber als Nutzer sind angehalten, eben diese immer zu hinterfragen.

Die angeregte Diskussion wurde anschließend beim leckeren Fingerfood Buffet begeistert fortgesetzt. 

Das Resümee: Eine rundum gelungene hochkarätige Veranstaltung. 30 Jahre SI Club Hanau mit dem bewussten Blick in eine spannende Zukunft. Dies ist dem SI Club anlässlich seiner 30 Jahr Feier hervorragend gelungen.


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